Moderne Lyrik

Selten ist etwas so vielfältig wie Sprache. Wir können unseren Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Vorstellungen und Sichtweisen Ausdruck verleihen. Manchmal besser, als wenn wir einen Pinsel in der Hand halten würden. Die Lyrik ist dabei eine Kunstform, die mit Metaphern, Rhythmik, Reim und Metrum spielt. So viele Epochen hindurch wurde sie von den Großen ihrer Zeit verwendet und weiterentwickelt. Heute nun stehen wir vor der Frage: Was ist moderne Lyrik?

Reime müssen nicht mehr sein. Wo damals noch Köpfe rauchten, weil Inhalt und Worte zusammenpassen, ja, sich in einen fließenden, wohlklingenden Reim fügen mussten, stehen heute ganz andere Dinge im Vordergrund. Will man moderne Lyrik beschreiben, so fehlen einem häufig Anhaltspunkte- denn sie ist, nach all den Jahren strenger Regeln und Deutungsvorschriften, zu einem diffusen, mehrdeutigen, nicht so leicht bestimmbaren Wesen geworden. Lyrik ist heute so vielseitig wie unsere Gesellschaft selbst. Originalität ist der Schlüssel zum Erfolg, der Inhalt trägt die Sprache. Reime sind unnötig. Gehobene Sprache ist kein Muss. Lyrik ist heute das, was wir fühlen. Sie kann in einem Dialekt geschrieben sein oder einfach in Alltagssprache. Sie kann vordergründig surreal erscheinen, indem nicht sofort ihr Sinn ergründbar ist. Sie ist eine Fundgrube der Individualität, ihr sind keine Grenzen gesetzt. Die heutige Gesellschaft, immer mehr auf Individualismus bedacht, sucht Freiheit auch im Geist. Daher sind die Regeln für moderne Lyrik zwar nicht vollständig gefallen, aber doch verschwommen, zerstörbar, formbar. Moderne Lyrik sollte immer auf klangvolle Weise- wie auch in all den Epochen zuvor- entstehen und muss auf der Zunge des Lesers dahin fließen. Doch Grenzen? Die gibt es kaum. Arhythmische Texte können ebenso gewollt sein wie eine rein optisch ansprechende Lyrik. Alles ist möglich, wenn es gefällt und den Zahn der Zeit trifft.